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  • Teresa Kotter

Geschwister

Stellt euch vor, wir stehen auf einer großen Eisscholle. Es ist wichtig, dass unser Gewicht gleichmäßig verteilt ist, sonst rutschen wir alle ins Meer. Bewegt sich jemand muss das ausgeglichen werden.


Ähnlich wie dieses theaterpädagogische Spiel funktioniert das System Familie. Auch hier streben alle Mitglieder eine Art Gleichgewicht an. Ein ausgeglichenes Miteinander. Kommt ein neues Familienmitglied dazu, gerät erstmal alles ins wanken. Manche suchen sich einen neuen Platz, Rollen und Aufgaben verändern sich, Neues kommt hinzu. Die Kinder werden zum großen Bruder oder zur großer Schwester und müssen die Aufmerksamkeit der Eltern teilen. Sehen sich neuen Erwartungen und Veränderungen gegenüber. Wir Eltern müssen uns erneut einfinden in die Herausforderungen Eltern eines Säuglings zu sein. Und mehrerer Kinder. Wir stehen auf einmal einer Vielzahl an Bedürfnissen gegenüber. Bei diesem Prozess der Neufindung als Familie darf es ruhig auch mal knirschen im Getriebe. Denn Einiges geht verloren. Protest, Wut und Trauer darüber brauchen ihren Platz. Um dann auch Raum für Freude zu haben über alles was dazu kommt. Bei uns zeigt sich das aktuell wunderbar symbolisch darin, dass sich die Sitzordnung am Küchentisch immer mal wieder ändert. Wir suchen alle nach einem neuen Gleichgewicht in unserem Familiensystem.

Wie können wir unsere Kinder gut begleiten und unterstützen wenn sie Geschwister bekommen? Mit Liebe und Geduld. Mit ihnen, aber auch mit uns selbst. Denn nur wenn unsere Akkus (zumindest einigermaßen) voll sind können wir gut für andere sorgen. Auch die Liebestanks unserer Kinder sollten gut gefüllt sein. Gerade dann wenn sie besonders "anstrengend" sind brauchen sie unsere Zuwendung.

Und jedes Kind (und jeder Erwachsene ebenso) fühlt sich auf etwas anderem Wege geliebt. Hier ist es sinnvoll zu schauen: wie kann mein Kind gut auftanken? Braucht es Körperkontakt? Das man etwas "für" das Kind tut? Ungeteilte Aufmerksamkeit? Meinem Sohn liebt wilde Kitzelschlachten, meine Tochter wünscht sich aktuell jeden Tag ein Bild von mir. So unterschiedlich sind die beiden.. Und dann braucht es Geduld. Und Akzeptanz. Auch für Trauer, Wut und Protest. Die Kinder haben einen schweren Verlust erlitten. Ihre Eltern sind auf einmal sehr viel weniger präsent und vermutlich steht erstmal jemand anderes sehr kleines im Mittelpunkt. Dessen Bedürfnisse meist Priorität haben. Denn Babys können nicht warten.

Das ist übrigens eine hilfreiche Richtschnur wenn mehrere Kinder gleichzeitig dringend etwas brauchen: die Bedürfnisse abwägen und dann in der Reihenfolge der Dringlichkeit abzuarbeiten. Wichtig ist hierbei das möglichst keine Wünsche hinten runter fallen und gar nicht erfüllt werden.


Gefühle zeigt ebenfalls jedes Kind anders, manche sind in schwierigen Zeiten besonders anhänglich oder weinerlich, andere voller Wut, manchmal müssen auch unschuldige Gegenstände darunter leiden. Bei uns wurde beispielsweise die Toilette angemalt. So lange niemand ernsthaft zu Schaden kommt sind alle Gefühle ok und brauchen ihren Raum. Es ist gut wenn sie ausgelebt und nicht hinunter geschluckt werden. Manchmal kann man seine Kinder dabei unterstützen einen besseren Weg dafür zu finden; beispielsweise lieber den Vater im Ringkampf spielerisch vom Sofa schubsen als die kleine Schwester an den Haaren zu ziehen. Und je nach Alter kann es auch hilfreich sein, gemeinsam mit dem Kind zu versuchen Worte dafür zu finden wie es sich fühlt und ihm zu signalisiern: ich sehe dich. Und verstehe dich.

Und mir ist es wichtig den Kindern zu vermitteln dass weiterhin Platz für sie da ist. Das da Platz und Liebe für alle Kinder da ist. Deshalb lese ich mit schlafenden Baby auf der Brust vor, stille und kuschle dabei die anderen und mit einer guten Trageberatung lässt sich das Baby schon früh auf dem Rücken tragen um Platz für die anderen Kinder zu haben.

Wie die Liebe wächst lässt sich schön mit Kerzen verdeutlichen: Zuerst war da nur eine Flamme, dann kam der Papa dazu und dann du.. Und ganz praktisch freuen sich viele Kinder sehr über die Möglichkeit mitzuhelfen. Dem Baby die Mütze anziehen, der stillenden Mama Wasser bringen, den Tisch decken oder was auch immer es braucht und was ihrem Alter entspricht. So können sie auch einen wertvollen Teil zum Alltag beitragen, erfahren Anerkennung und fühlen sich wertvoll. Das sind sie natürlich auch unabhängig davon wieviel sie helfen.

Manchmal erlaubt es die aktuelle Situation schlichtweg nicht, allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Denn der Tag hat nunmal nur 24 Stunden und wir nur zwei Arme. Oder besser vier, Elterngeld gibt es auch für Väter.

Doch so oder so: besorgt euch Unterstützung. Wir Menschen sind nicht dafür gemacht alleine Kinder groß zu ziehen. Wir brauchen ein Dorf. Sei es die Oma, die mit dem Baby spazieren geht, damit wir mit dem großen Bruder endlich mal wieder in Ruhe Playmobil spielen können, die Nachbarin die sich liebevoll Zeit für die große Schwester nimmt, oder auch die Putzhilfe, der Lieferdienst oder andere die für mehr Familienzeit sorgen. Wellcome bietet extra für die erste Zeit mit Baby ehrenamtliche Unterstützung an. Und unter bestimmten Voraussetzungen übernimmt auch die Krankenkasse eine Haushaltshilfe.

Für die ersten Wochen macht es Sinn sich statt Geschenke selbstgekochtes Essen zu wünschen. Wir haben diese wunderbare Unterstützung in den ersten Wochen sehr sehr genossen, eine liebe Freundin hatte die Koordination der Essenslieferung übernommen.

Es gibt den Spruch: alles was im ersten Jahr passiert ist normal. Ganz würde ich diesen nicht unterschreiben, denn es gibt Situationen die Unterstützung von außen brauchen. Eine zerbrochene Beziehung ist schwer zu kitten und Geschwister bleibt man ein Leben lang. Doch hilft dieser Spruch vielleicht in den verdammt anstrengenden oder verrückten Momenten die Ruhe zu bewahren. ❤


Für alle die Interesse haben noch mehr dazu zu erfahren: gerne beantworte ich all eure Fragen und Sorgen im Rahmen einer Beratung.


Zudem kann ich folgende Bücher empfehlen:


Die 5 Sprachen der Liebe für Kinder: Wie Kinder Liebe ausdrücken und empfangen | Chapman, Gary, Campbell, Ross, Rothkirch, Ingo


Geschwister als Team: Ideen für eine starke Familie. Ein artgerecht-Buch | Schmidt, Nicola


Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Das Geschwisterbuch | Danielle Graf, Katja Seide


Spielen schafft Nähe -Nähe löst Konflikte: Spielideen für eine gute Bindung | Aletha J. Solter, Ursula Bischoff |



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