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  • AutorenbildTeresa Kotter

Vom einen zum anderen - wie wir unsere Kinder und auch uns selbst bei Übergängen gut begleiten können.

"Neiiiin!!" Weinend steht er da, der kleine Kerl, nur halb angezogen und voller Wut. Er will nicht. Nichts anziehen, nicht in die Spielgruppe und schon gar nicht jetzt. Jetzt ist er wütend. Und seine Mutter so langsam auch. Und die Uhr tickt..

Herausfordernd sowohl für unsere Kinder als auch für die Erwachsenen, die sie dabei begleiten: Übergänge.
Vom Kindergarten nach Hause, von der Spielzeit zur Schlafenszeit, der Abschied von Oma und so weiter.
Und zugleich ist das Leben voller Übergänge, den alltäglichen und den großen, Beispielsweise vom Kindergartenkind zum Schulkind. 
Wie können wir diese also bestmöglich gestalten?

Foto: Michelle Wegener

Ich könnte jetzt ganz viel dazu schreiben was unsere Kinder brauchen. Wie wir sie möglichst gut vom einen Zutand oder Ort zum anderen begleiten können. 
Könnte darüber schreiben wie unterschiedlich Kinder sind. Dass Klarheit und Struktur gut tun, also zu wissen was wie genau abläuft oder dran ist, wohin es geht und warum. Und dass andere dabei liebevolle Begleitung brauchen, ein Auffangen all der Gefühle die bei Übergängen hochkommen. Unterstützung, Wärme und am besten noch eine Portion Spiel und Spaß, Vorfreude auf dass was kommt und Raum für Selbstwirksamkeit.

Doch ich möchte in diesem Artikel einen anderen Fokus setzen. Nämlich den auf uns Eltern. 
Denn in was für einem Zustand wir unsere Kinder - gerade in herausfordernden Situationen - begleiten, hat maßgeblichen Einfluss darauf wie gut diese gelingen. Und all dies hat natürlich auch Einfluss auf ihre Entwicklung, ihre Resilienz und unsere Bindung. 

Denn wenn wir einfühlsam, geduldig und liebevoll sind verläuft die Situation anders als wenn wir genervt, ungeduldig oder erschöpft sind. Da helfen selbst die besten Tipps nicht, wenn wir selbst am Rande unserer Kräfte sind. Und solche Momente haben wir alle. Vermutlich täglich. 
Anstatt euch also mit weiteren: so musst du das machen dann läuft es rund Tipps zu überhäufen und damit eventuell den Druck noch weiter zu verstärken es "richtig" und "gut" zu machen möchte ich mit euch gemeinsam hinschauen.
Welche Situationen sind besonders herausfordernd? In was für einem Zustand bist du in diesen Momenten in der Regel? Was bräuchtest du damit es dir besser geht? Gibt es die Möglichkeit vorher eine kurze Pause einzulegen um deine Akkus aufzuladen? Gibt es Jemanden der dich unterstützen kann? Gibt es Möglichkeiten etwas zu verändern, Druck rauszunehmen wenn die Situation schon sehr festgefahren ist? Könntet ihr es mal 2 Wochen lang ganz anders machen? Wenn nicht: warum? Was ist dir/euch so wichtig daran? Welcher Wert steht dahinter? Welche Bedürfnisse können in diesen Situationen nicht erfüllt werden?

Ich möchte dies mit Beispielen aus meiner Beratungspraxis und eigener Erfahrung veranschaulichen. Die Namen, sowie Details sind verändert. 

„Ich will nicht nach Hause!!“
J. vom Kindergarten abzuholen ist eine Katastrophe. Oft ignoriert sie ihre Mutter wenn diese zum Abholen kommt. Möchte nicht mitkommen, weint und schreit. Es fällt ihr schwer sich zu lösen. 
Auch ihrer Mutter fallen diese Situationen schwer. Sie hat einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich, ist müde, hungrig und erschöpft. Die Tatsache dass sie nicht freudig begrüßt wird löst ganz viele Gefühle in ihr aus ("ich bin eine schlechte Mutter", usw..). 
Wir arbeiten im Elterncoaching an diesem Thema, das mit viel Schmerz belegt ist. J.´s Mama hat ein schlechtes Gewissen, das Gefühl ihr Kind zu früh in Betreuung gegeben zu haben und hadert mit ihrer Entscheidung wieder Arbeiten zu gehen. Sie hat das Gefühl, alles ist zuviel und sie wird weder ihrer Arbeit, noch ihrem Kind gerecht. 
Wir schauen die dahinter stehenden Gefühle, Werte und Glaubenssätze an. Was davon ist ihr eigenes, was hat Sie übernommen? Welchen Ansprüchen möchte Sie gerecht werden? Wie kann Sie all das Ausbalancieren? 
Wir gehen in den Schmerz, schauen auf das eigene innere Kind und die gemeinsame Geschichte mit ihrer Tochter. Manches möchte gesehen werden, anderes darf Losgelassen werden, leichter werden. 
J.`s Mama entscheidet sich, 2x pro Monat einen Pausentag für J und sich einzulegen und die Arbeitszeiten umzuverteilen. Zudem sprechen wir über die Aufteilung der Carearbeit zwischen ihr und ihrem Partner, sowie über das Thema Mental Load. 
Zudem entscheiden sich J.`s Mama, nach der Arbeit eine kurze Pause einzulegen, durchzuatmen, bei sich anzukommen und ggf noch etwas zu essen. Und auch J. ist furchtbar hungrig beim abholen, ihr eine Kleinkeit mitzubringen entspannt die Situation sehr.

„Schlafenszeit ist Kampfzeit?“
Es ist ein richtiger Kampf unsere Kinder abends ins Bett zu bringen klagen die Eltern von K & M. Zähneputzen und Waschen funktioniert nur mit Festhalten und jeden Abend gibt es Geschrei und Tränen. Im Coaching wird klar, dass der Vater der Kinder einen sehr hohen Anspruch an Sauberkeit hat. Er hat schmerzhafte Erinnerungen an genau solche Momente in seiner eigenen Kindheit die wir gemeinsam anschauen. Wie ging es dem inneren Kind damals? Was hätte es gebraucht? 
Was wollen die Eltern eigentlich wirklich für ihre Kinder? Was ist Ihnen wichtig? Wie wichtig ist ihnen Sauberkeit und wie hoch darf der Preis dafür gegebenenfalls sein? Wo können ggf Abstriche gemacht werden? Gibt es Spielräume für Ausnahmen, zB wenn die Kinder krank sind? Und wie können sie es so gestalten dass es für alle angenehmer wird? 
Für die Ferien entsteht die verrückte Idee erstmal allen Druck raus zu nehmen. Die Kinder dürfen so ins Bett wie sie möchten und werden dabei anfangs von der Mutter begleitet, der Vater wartet im Bett und übernimmt den kuscheligen Part. Notfalls auch mit nicht ganz sauberen Kindern. Während des Experiments stellen die Eltern erstaunt fest, wieviel ihre Kinder eigentlich schon selbst können. 
Zudem wird klar dass die beiden Kinder unterschiedliche Bedürfnisse haben. Dem einen Kind ist Selbstwirksamkeit und auch Sauberkeit sehr wichtig und es hilft ihm möglichst selbstbestimmt einem klaren Plan abzuarbeiten, mit liebevoller Begleitung. 
Das andere Kind ist abends sehr erschöpft und von all den Anforderungen tendenziell überfordert. Deshalb wird der Schlafanzug nun schon vor dem Abendessen angezogen und das Reinigungsprogramm auf das allernötigste gekürzt und so angenehm wie möglich für alle Beteiligten gestaltet. Das Kind mag es, von den Eltern angezogen und „bedient“ zu werden. Für manche Kinder ist das ein Weg, sich geliebt zu fühlen und wenn sie eigentlich in der Lage sind sich selbst anzuziehen besteht keinerlei Gefahr dass sie hierdurch etwas verlernen oder weniger selbstständig werden..

"Morgendliche Überforderung"
Morgens zur Waldspielgruppe zu starten war, als mein Sohn ein Kleinkind war, eine riesige Herausforderung. Insbesondere das Anziehen. Aber auch das Loskommen und alles drum herum. Hochschwanger und dann mit kleinem Baby nebenbei, sowie einem weiteren Kind das morgens ebenfalls viel Begleitung brauchte, hatte ich wenig freie Ressourcen und war oft am Ende meiner Geduld. 
Was ganz viel Entspannung gebracht hat war meinen inneren Druck loszulassen. Ich hatte die Vorstellung dass alles perfekt laufen müsste. Und die Kinder pünktlich, sauber und hübsch angezogen, sowie gutgelaunt parat sein sollten. Ich selbst natürlich auch. Ein ganzschön hohes Ideal.
Dabei ist zu spät kommen ist kein Weltuntergang. Und unpassende kleidung ebenfalls nicht (sofern niemand droht krank zu werden o.ä., man kann ja noch weitere Kleidung einpacken.)
Unsere Beziehung ist so viel wichtiger. Und so plante ich viel Zeit ein für das Anziehen und begleitete dieses liebevoll und spielerisch. Denn meinem Sohn fiel der Abschied von mir schwer, Anziehen war Beziehungsarbeit, Auftanken und Raum für Selbstwirksamkeit. Immer mal wieder fuhren wir ohne Jacke, manchmal auch ohne Schuhe mit dem Fahrrad los. Diese kann man viel einfacher anziehen wenn man versteht dass man sie braucht. Oder wenn man selbst Lust bekommt in die Pfützen zu springen..
Zudem begann ich die Morgende  schon abends (gemeinsam mit meinem Mann) vorzubereiten, das Vesper zu richten und eine Anziehstrasse für die älteste Tochter auszulegen, sowie meine eigenen Sachen zu richten. Denn auch ich neige dazu - ganz unabhängig von den Kindern - morgens in Stress zu geraten. 


Als besonders hilfreich für Übergänge finde ich folgendes:
- Die Frage nach dem Warum. Gibt es einen Grund warum diese Situationen immer wieder so herausfordernd sind? Was könnte dahinter stecken? Wie können wir das Lösen?
- Bei dir bleiben. Am besten schon im Vorhinein, falls möglich, für einen guten Zustand sorgen. Ist eine kleine Pause drin? Und sei auf dem Spielplatz noch für einen kurzen Moment die Sonne zu genießen und Durchzuatmen bevor alle zum Aufbruch übergehen. Oder morgens 10 Minuten früher aufstehen oder noch im Bett kurz bei dir selbst einchecken..
Wie geht es mir? Was brauche ich heute? Was ist wichtig? 
Und auch mitten drin können wir manchmal einfach loslassen und uns rausnehmen (sofern dabei keine Kinder gefährdet werden). Zum Beisiel indem wir uns einfach kurz auf den Boden legen. Uns erden. Und dann neu starten.
- Druck rausnehmen. Ist das wirklich so wichtig? Was passiert wenn wir 10 Minuten später sind? Ist es das wert in den Kampf-Modus zu gehen? Was ist mir eigentlich wichtig? Was brauchen wir grade eigentlich wirklich? Welches Bedürfnis hat Vorrang?

Und vermutlich werden Übergänge dennoch immer wieder herausfordernd sein. Vielen Kindern fallen sie einfach besonders schwer. Und manchen Erwachsenen auch... Es gibt nicht das eine Patentrezept. Doch wir können uns immer wieder daran erinnern, sowohl unsere Kinder als auch uns selbst dabei liebevoll zu begleiten. 


Wo sind deine/eure Herausforderungen? Was steckt vielleicht dahinter? Oft lohnt es sich genauer hinzuschauen. 
Gern begleite ich euch dabei im Rahmen meiner Tätigkeit als systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin und Artgerecht Coach. 



31 Ansichten1 Kommentar

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1 Comment


wiebke
Jun 17

Was ein schöner Blogbeitrag, liebe Teresa!

Übergänge sind bei uns auch mit einem Fast-Schulkind noch oft ein Thema.

Hier hilft z.B. morgens unsere Lieblingsmusik (die ich schon beim Dosen packen anmache und dazu ein bisschen tanze = gute Laune), ausreichend Zeit zum Wachkuscheln und -kitzeln sowie ein rundum Service beim Anziehen. Dazu kurze, klare Ansagen wie "Schuhe an." oder "Jetzt die Jacke.", wenn der Frosch mal wieder mitten im Prozess anfängt zu träumen.

Und ganz wichtig: Ich stehe ganz bewusst ne halbe Stunde früher auf, damit ich noch in Ruhe die erste Tasse Tee auf dem Balkon beim Vogelkonzert genießen kann.


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